Was ist eigentlich die Appetitgrenze?
Die Appetitgrenze beschreibt die individuell unterschiedliche Menge an Raufutter, die ein Pferd in 24 h aufnimmt, damit es physiologisch satt ist. Sie ist Basis für die Ermittlung des Rohfaserbedarfes eines Pferdes. Conny Röhm betont, dass Pferde trotz vergleichbarem Gewicht unterschiedlich viel Heu fressen, ehe sie satt sind. Das hängt von Faktoren wie Rasse und Rumpfform ab.
Was sagt die Wissenschaft?
Lange Zeit ging man davon aus, dass die Anzahl der Kauschläge in hohem Maße das Sättigungsgefühl beeinflusst (Meyer, 1975). Diese These ist mittlerweile nur noch bedingt haltbar. Kauschläge tragen zur Sättigung bei, sind aber nicht allein für das Sättigungsgefühl ausschlaggebend. Wenn 35.000 Kauschläge dazu führen, dass das Pferd satt ist, und ein Kilo Heu etwa 3.500 Kauschläge benötigt, dann wäre jedes Pferd nach 10 kg Heu satt. Das ist aber nicht der Fall.
Auch die in der Literatur von D. Arnold auf Seite 17 beschriebenen Bedarfswerte für die tägliche Aufnahme von Trockenmasse von etwa 2% – 3,8% des aktuellen Pferdegewichts sind eher ungenau – welches Pferd ist bedarfsdeckend mit 2% der Trockenmasse der Gesamtration versorgt, welches Pferd erst mit 3,8 %? Arnold konkretisiert diese Faustzahl dann auf Seite 17. Demnach benötigt ein erwachsenes Pferd im Erhaltungsbedarf 104 Gramm Trockenmasse je kg Metabolische Körpermasse. Abweichende Werte in besagter Tabelle beziehen sich auf unterschiedliche Leistung (Arbeit, Zucht), nicht jedoch auf unterschiedliche Rassen beim Pferd.
Beispiel: Pferd mit Sollgewicht 500 kg – metabolische Körpermasse 105,7 kg x 104 gr Trockenmasse = 11 kg Trockenmasse pro Tag, also etwas mehr als 2% des aktuellen Pferdegewichts.
Das wären unter der (vereinfachenden) Annahme von jeweils 87% Trockensubstanz für Heu und Stroh 12,6 kg Raufutter.
Kienzle et.al. geben an, dass ein Pferd als „Kompromiss zwischen Ethologie und der Vermeidung von Übergewicht (…)“ 1,5 bis 2% der Körpermasse an Raufutter benötigt. Das wären bei einem 500 kg schweren Pferd 7,5 bis 10 kg Raufutter.
Rohfaserbedarf des Pferdes: Den beschreibt Arnold mit 25% bis 30% der verfütterten Futtermittel-Trockenmasse. Das wären also etwa 3 kg Rohfaser, die das 500 kg schwere Pferd am Tag benötigt. Nach der Berechnung von Kienzle et.al. würde das Pferd zwischen 2,17 und 2,9 kg Rohfaser aufnehmen.
Verwirrend, nicht wahr? Dazu kommt, dass diese Werte wohl eher für das Standardwarmblut gelten. Aber wer hat schon ein solches Standardpferd?
Genau deshalb rechnet Opti-Ration® nun nicht mehr nur mit den Werten aus der Literatur bzgl. der Ermittlung des Rohfaserbedarfes, da diese entweder uneinheitlich sind, oder nur für eine kleine Anzahl von Durchschnittspferden gelten.
Wenn aus der praktischen Erfahrung heraus ein besseres „Modell“, noch dazu von DER Fütterungs-Expertin in Deutschland existiert, haben wir das gerne übernommen.
Warum Opti-Ration mit der praxistauglichen Appetitgrenze von Conny Röhm rechnet
Robustrassen können locker bis zum Doppelten der o.a. Werte aufnehmen. (Siehe die bereits von Arnold angegebene, jedoch nicht weiter spezifizierte Spanne von 2% – 3,8%). Hoch im Blut stehende Pferde kommen häufig nicht auf den Wert von 12,6 kg Raufutter, sie sind viel eher satt. Aber warum werden Pferde so unterschiedlich satt? Weil es neben dem Standard-Warmblut eine Vielzahl von unterschiedlichen Pferden gibt.
Bei allen Pferden entsteht das Sättigungsgefühl, wenn die Rezeptoren im Darm dem Gehirn signalisieren, dass der Darm ausreichend gefüllt ist. Das ist weitgehend unabhängig von der Anzahl der Kauschläge. Solange der Darm nicht ausreichend gefüllt ist, ist das Pferd nicht satt. Es frisst also weiter – unabhängig davon, wie viel Zucker, Eiweiß oder Energie das Heu hat.
Wo liegen die Unterschiede? In der Rumpfform. Und nein, das hat nichts mit dem Bauchumfang in cm zu tun, sondern mit der Form im Vergleich zur Gesamtstatur des Pferde.

Rundrumpfige Pferde (im Bild links) mit vergleichbar kurzen Beinen, z.B. Nordpferdetypen, Haflinger, Fjordpferde oder schwere Kaltblüter, haben im Vergleich zum Gesamtgewicht einen größeren Verdauungstrakt. Sie haben also mehr Darmflora und eine höhere enzymatische Aktivität. Solche Pferde werden als „leichtfuttrig“ bezeichnet. Da jedes Pferd bei Opti-Ration® bezüglich seiner Größe und Rasse beschrieben wird, ordnen wir Pferde mit einem entweder unbekannten oder einem Vollblutanteil bis 25% als rundrumpfig ein. Wenn du dein Pferd also als Pony im Nordpferdetyp, Kaltblut oder schweres Warmblut eingegeben hast, gilt es bei der Ermittlung der Appetitgrenze als rundrumpfig.
Schmalrumpfige, langbeinige Pferde (im Bild rechts) haben einen deutlich kleineren Verdauungstrakt, sie werden also schneller satt, weil die Rezeptoren dem Gehirn viel früher anzeigen, dass der Darm ausreichend gefüllt ist. Bei Vollblütern kommt es also vor, dass diese trotz ad libitum Heufütterung eher unterernährt sind, weil sie bereits satt sind, ehe der Erhaltungsbedarf an Energie und Eiweiß über die Heuaufnahme gedeckt ist. Solche Pferde werden als „schwerfuttrig“ bezeichnet. Ihre Rumpfform ist von vorne gesehen nicht rund, sondern oval. Pferde und Ponys mit einem Vollblutanteil von 50 % und mehr gelten bei der Ermittlung der Appetitgrenze als schmalrumpfig.
Dazwischen gibt es eine weitere „Klasse“, nämlich Mittelrumpfig (im Bild Mitte), diese entspricht am ehesten dem „Standardpferd“ aus der Literatur, also dem Warmblüter mit 26% bis 50 % Vollblutanteil, aber auch Spezialrassen wie Friesen, Barockpferden, Westernrassen oder iberischen Rassen. Auch hier ist die Rumpfform von vorne gesehen eher rund, jedoch im Vergleich zum Rest des Körpers kleiner als bei den rundrumpfigen Pferden.
Wofür brauchten wir die Appetitgrenze?
Die Appetitgrenze ist entscheidend für die Bedarfsberechnung der Rohfaser. Pferde sind Dauerfuttersucher und benötigen kontinuierlich über den Tag verteilt Rohfaser, um Verdauung, Sättigung und Stoffwechsel stabil zu halten. Nimmt ein Pferd bei ad libitum Heufütterung durch eine hohe Appetitgrenze jedoch deutlich mehr Heu auf, als es energetisch benötigt, steigt das Risiko für Übergewicht und Folgeprobleme wie EMS oder Hufrehe. Umgekehrt können Pferde mit niedriger Appetitgrenze zu wenig Rohfaser aufnehmen, was sich negativ auf Verdauung und das Gewicht auswirkt. Conny Röhm hat in Purzel speckt ab 2.0 auf Seite 86 eine Tabelle mit geschätzten Werten der Appetitgrenze in kg Heu pro Tag in Abhängigkeit von der Rumpfform und vom Sollgewicht veröffentlicht. Opti-Ration 4.0 verwendet diese Werte, um die Appetitgrenze in kg Heu pro Tag deines Pferdes vorab zu berechnen. Diese dient dann als Grundlage der Bedarfsberechnung für Rohfaser.
Ausnahme bildet die Berechnung des Rohfaserbedarfes von Saugfohlen. Durch den hohen Muttermilchanteil in der Ration sind die Rezeptoren für das Signal „Ich bin satt“ im Magen-Darm-Trakt noch nicht vollständig ausgebildet. Erst mit dem Absetzen kann sich die Appetitgrenze entwickeln, deshalb rechnet Opti-Ration® bei Saugfohlen bis zum 6. Lebensmonat weiterhin mit dem Wert von 54 gr Futtertrockenmasse je kg metabolisches Körpergewicht.
Rohfaserbedarf auf der Basis des Zielgewichts
Die Appetitgrenze und damit der Rohfaserbedarf wird auf Basis des Zielgewichts ermittelt, nicht auf Basis des aktuellen Gewichts. Übergewichtige Pferde fressen eben häufig mehr, als es ihrer rassebedingten Appetitgrenze entspricht. Hier ist aufgrund von vorheriger Überfütterung die Appetitgrenze bereits nach oben verschoben. Ein übergewichtiges Pferd benötigt eben nicht mehr Rohfaser, als wenn es normalgewichtig wäre. Der zu hohe Körperfettanteil hat nämlich nichts mit der Menge an Rezeptoren im Magen- Darm-Trakt zu tun.
Umgekehrt benötigt ein untergewichtiges Pferd im Prozess des Auffütterns so viel Rohfaser, als wenn es normalgewichtig wäre. Hier ist die Appetitgrenze häufig nach unten verschoben, was eine enorme Herausforderung an die Rationsgestaltung ist. In allen Fällen gilt: Gutes(!) Futterstroh langsam anfüttern und auf maximal 1 kg je 100 kg Zielgewicht steigern. Sonst drohen Verstopfungskoliken. Auch Knabberäste langsam anfüttern, damit sich der Magen-Darm-Trakt des Pferdes an das neue Futter gewöhnen kann.
Entspricht die ermittelte Appetitgrenze der Heumenge, die das Pferd bekommen soll?
Nein, die Appetitgrenze bedeutet nicht, dass dein Pferd diese Menge an Heu pro Tag bekommen sollte. Das wäre für die meisten Pferde zu viel an Energie und Zucker.
Sie bedeutet, dass dein Pferd soviel Rohfaser benötigt, um satt zu werden, wie in der angegebenen Menge Heu enthalten ist. Und das geht auch sehr gut mit einem Heu/Stroh Gemisch und/oder zusätzlich mit Knabberästen.
Wenn du die Appetitgrenze selbst ermittelt hast, kannst du den von Opti-Ration® vorab ermittelten Wert überschreiben. Er ersetzt dann den vorab berechneten Wert als Bedarfsgrundlage für Rohfaser.

Beispiel: Dein Pferd würde 12 kg Heu am Tag fressen. Das Heu hat einen Rohfasergehalt von 29% in der Frischsubstanz. Dann läge der Rohfaserbedarf deines Pferdes bei 12 x 290 gr, also 3480 gr Rohfaser pro Tag. Wenn dein Pferd normalgewichtig ist, ist alles fein. Ist es aber übergewichtig, dann bekäme es bei 12 kg Heu zwar ausreichend Rohfaser, um satt zu werden, aber deutlich zu viel an Energie und Zucker, um abzunehmen. 3480 gr Rohfaser lassen sich jedoch auch gut durch ein „Strecken“ der Heuration von 2/3 Heu und 1/3 Stroh erreichen. Dann wird dein Pferd immer noch satt, die Energie- und Zuckeraufnahme ist jedoch dem angestrebten Sollgewicht entsprechend, und dein Pferd kann gesund abnehmen. Auch bei Pferden auf Diät sollte der Rohfaseranteil der Ration nicht unter 90% des Bedarfes liegen, alles darunter führt über längere Zeit zu einem unzufriedenen, schlecht gelaunten Pferd. Das ist der Diät wenig zuträglich….
Wer also weiterhin der Empfehlung folgt, dass ein Pferd 1,5 kg Heu je 100 kg Sollgewicht bekommen soll, der deckt damit zwar den Energiebedarf seines Pferdes und vielleicht auch den Minimalbedarf an Rohfaser, den der Darm physiologisch zur Aufrechterhaltung seiner Funktion benötigt. Ohne Zufütterung von Stroh oder Knabberästen und damit von weiteren rohfaserreichen Komponenten wird das Pferd jedoch nicht satt. Daraus können gesundheitlichen Folgen und Verhaltensanomalien entstehen. Diese sind ausführlich in der Literatur (GfE) beschrieben.
So ermittelst du die Appetitgrenze
In der Praxis wird die individuell mögliche Heuaufnahme gemessen, indem Pferden über mindestens 12, besser 24 Stunden lang vorab gewogenes Heu ad libitum angeboten und die dabei tatsächlich aufgenommene Menge ermittelt wird. Das Pferd sollte dabei nicht auf Stroh stehen, da dessen Aufnahme kaum „zurück“ zu wiegen ist.Daraus ergibt sich ein Wert in kg Heu pro 100 kg Körpermasse, der als Basis für eine bedarfsgerechte Rationsgestaltung dient. Dies geht bei Offenstallhaltung jedoch nur dann, wenn das Pferd stressfrei separiert werden kann, weil die Trennung von der Herde und die ungewohnte Vereinzelung zu stressbedingt höherer Futteraufnahme führen kann.
Wenn du Silage fütterst, übernimm bitte die von Opti-Ration® berechneten Werte. Silage hat mehr Feuchtigkeit als Heu. Wenn du angibst, wie viel Silage am Tag dein Pferd fressen würde, wären die Werte zur Berechnung des Rohfaserbedarfes verfälscht.
Zusammenfassung:
Die Appetitgrenze beschreibt, wie viel Raufutter ein Pferd in 24 Stunden aufnehmen kann, bis es physiologisch satt ist. Sie variiert stark je nach Rasse und Rumpfform: Rundrumpfige Pferde mit großem Verdauungstrakt gelten als leichtfuttrig, schlanke, schmalrumpfige Pferde erreichen die Sättigung früher und sind eher schwerfuttrig. Entscheidend ist nicht die Anzahl der Kauschläge, sondern die Füllung des Darms. Die Appetitgrenze ist entscheidend für die Bedarfsberechnung der Rohfaser.
Sie bedeutet nicht, dass dein Pferd diese Menge an Heu pro Tag bekommen sollte. Das wäre für die meisten Pferde zu viel an Energie und Zucker. Sie bedeutet, dass dein Pferd so viel Rohfaser benötigt, wie in der angegebenen Menge Appetitgrenze Heu enthalten ist.
Opti-Ration 4.0 verwendet die von Conny Röhm, Seite 86 ermittelten Schätz- bzw. Erfahrungswerte, um die Appetitgrenze in kg Heu pro Tag deines Pferdes vorab zu berechnen. Diese dient dann als Grundlage der Bedarfsberechnung für Rohfaser. Wenn du die Appetitgrenze selbst ermittelt hast (bitte nur mit Heu, nicht mit Silage), kannst du diesen Wert überschreiben. Er ersetzt dann den vorab berechneten Wert als Bedarfsgrundlage für Rohfaser.
Deine ermittelte Appetitgrenze ist niedriger, als von Opti-Ration® berechnet?
Dann kann es sein, dass dein Pferd gesundheitliche Probleme hat, die es von der Aufnahme von Rohfaser abhalten. Hier kommen z.B. Zahnprobleme, Magenprobleme oder Stress in der Herde in Frage. Es kann auch sein, dass das Heu dem Pferd nicht schmeckt, weil es muffig ist oder sehr hartstengelig, Giftpflanzen oder Dreck enthält, oder einfach hygienisch nicht einwandfrei ist. Übernimm in diesem Fall bitte den von Opti-Ration® berechneten Wert. Überprüfe aber unbedingt den Grund, warum dein Pferd so viel weniger fressen möchte!
Deine ermittelte Appetitgrenze ist höher, als von Opti-Ration® berechnet?
Dann ist wahrscheinlich das Sättigungsgefühl deines Pferdes bereits gestört. Gerade bei übergewichtigen Pferden kommt das vor. Der Appetit kennt dann leider keine Grenzen. Auch hier übernimm bitte den von Opti-Ration® berechneten Wert. Denn dieser dient in erster Linie der Berechnung des Rohfaserbedarfes, NICHT des Heubedarfes deines Pferdes. Den Rohfaserbedarf musst du dann z.B. mit einer kombinierten Ration aus Heu, Stroh und Knabberästen befriedigen. Dadurch gelangt weniger Energie in die Ration und dein Pferd kann gesund abnehmen OHNE ständig Hunger zu haben.
